"Der Standard" vom 22.09.2007
Kulinarisch ein super Gau
Der Lungau will sich als Genussregion positionieren
Kehlig harte Knollen
Als Genussregion gilt der Lungau, das Tal der jungen Mur mit ihren Nebentälern in der südlichsten Region des Salzburger Landes. In erster Linie verdankt er diesen Titel den Erdäpfeln, die hier in mehr als tausend Metern Höhe ideale Wuchsbedingungen vorfinden. Die Lungauer sprechen allerdings nicht von Erdäpfeln wie sonst in Österreich. Für sie sind die nahrhaften Knollen Eachtlinge - kehlig hart sprechen sie das Wort aus. Ganze Koch- und Rezeptbücher sind seiner Verarbeitung gewidmet, jede Bäuerin hat ihre eigenen Rezepte.
Eine dieser Bäuerinnen ist die Schoberbäuerin in Lintschnig, auf deren großem Hof die Urlauber gerne zu einer Jause einkehren. Als sie uns erzählt welche kulinarischen Genüsse der Herbst im Lungau bringt, bedauern wir, dass es noch nicht Oktober ist. Vom "Schafaufbratln" schwärmt die Bäuerin und vom "Schöpsernen", das aufgetischt wird, wenn die Schafe von den Almen herunterkommen.
Selbstgebackenes Roggenbrot mit Butter, Wurst und Schinken vom eigenen Hof tischt die Bäuerin auf und freut sich sichtlich, wenn ihre Gäste zugreifen. "Hier wird überall nur nach Biogrundsätzen produziert", versichert sie. Dann präsentiert sie uns eine besondere Überraschung, den "Lungauer Marzipan" wie sie sagt. Rahmkoch nennen die Bauern diese Speise, die es nach den Worten der Schoberbäuerin nur auf den Almen und Bauernhöfen im Lungau gibt. Aus viel Butter, Rahm, Zucker, Rosinen und Gewürzen wird sie zubereitet.
Dass man sogar Schokolade aus Bioprodukten herstellen kann, erfahren wir im "Atelier der Köstlichkeiten" in Tamsweg. Aus der Freundschaft zwischen einem Konditor und einem Schafbauern entstand ein Produkt, das als einzigartig gilt: edelste Schokolade aus Schafmilch vom Biohof. "Genuss-Werkstatt" wiederum nennt der gelernte Koch und ehemalige Schnaps-Brenner Walter Trausner seine Konfitüren-Manufaktur in Mauterndorf. Was auch immer an Früchten auf dem Markt zu haben ist, verarbeitet er in seiner überraschend kleinen Marmeladenküche.
Der Abstecher in eins der Seitentäler wird ohnehin meist zu einer genussvollen Entdeckungsreise: Nirgendwo anders als in Muhr und Zederhaus gibt es noch den uralten Brauch der Prangstangen. Nur in diesen beiden Dörfern werden heute noch wie vor Jahrhunderten mächtige, bis zu acht Meter hohe Stangen, mit Tausenden von frischen Alm- und Heublumen umwunden, und an Festtagen der Pfarrpatrone durch den Ort getragen.
Schnitzel klopfen?
Noch ist der Lungau kein Ziel des Massentourismus mit Schenkel klopfenden Jodlergruppen, mit Folkloreabenden von der Stange oder mit Gasthäusern, auf deren Karten Wiener Schnitzel mit Pommes dominieren. Das erst seit wenigen Monaten geöffnete "Mesnerhaus" in Mauterndorf wird wohl schon bald dank herausragen Qualität der Speisen in der Gastro-Szene von sich reden machen. Aber das Gros der kulinarischen Anlaufstellen im Lungau scheut sich nicht, "Salzburger Gasthaus" zu bleiben. Da gibt es dann eben nach wie vor Eachtlinge in den verschiedensten Formen oder Rahmkoch, Käsespätzle, mächtige Bauernkrapfen und Pfandlrostbraten.
Wie passt es dann ins Bild, dass sich der über 600 Jahre alte "Wastlwirt" in St. Michael im Lungau ausgerechnet als "erstes Lifestyle-Hotel Österreichs" versteht? Verständlich wird das erst, wenn man den Hausherrn selbst übersetzen lässt: "Lebensstile" sind damit gemeint und die können ja bekanntlich recht unterschiedlich sein. So lässt man den Gast hier erst einmal ankommen, und präsentiert ihm dann nach einem Baukastensystem 50 individuelle Varianten zur Genussmaximierung.
der Standard Webtipp:
http://www.lungau.at
24.09.2007,

